
Stell dir vor: Es ist die 75. Jahrestagung
Die erste Auffälligkeit, wenn man am Freitagmorgen den Saal im Remarque Hotel Osnabrück betrat, waren die Sessel. Schon der Aufbau machte deutlich: Diese Jahrestagung sollte anders werden. Statt einer klassischen Abfolge langer Vorträge setzte die Studiengemeinschaft für Orthopädieschuhtechnik bei ihrer 75. Jahrestagung bewusst auf Austausch, Diskussion und inhaltliche Verdichtung.
In thematischen Blöcken gaben die Referentinnen und Referenten zunächst kompakte Einblicke in ihre Themen, bevor diese im Plenum gemeinsam diskutiert wurden. Das sorgte nicht nur für Abwechslung, sondern auch für eine spürbar lebendige Atmosphäre. Unterschiedliche Perspektiven kamen direkt miteinander ins Gespräch, Fragen konnten unmittelbar aufgegriffen und Positionen offen ausgetauscht werden.
Bereits im ersten Themenblock wurde deutlich, wie komplex orthopädieschuhtechnische Versorgung heute gedacht werden muss. Fragen rund um sportliche Überlastung, funktionelle Zusammenhänge und biomechanische Grenzen zeigten, dass gute Versorgung weit über eine rein lokale Betrachtung hinausgeht. Immer wieder wurde klar: Wer den Fuß verstehen will, muss Bewegung, Belastung und den gesamten funktionellen Kontext mitdenken.

Ein Ehrengastvortrag mit Weitblick
Im zweiten Block wurde das Plenum mit einem kinoreif inszenierten Teaser abgeholt. Der Rückblick auf 75 Jahrestagungen war weit mehr als nur ein stimmungsvoller Einstieg. Er machte deutlich, wofür die Studiengemeinschaft steht: für fachliche Entwicklung, für Austausch und für die Überzeugung, dass Orthopädieschuhtechnik von Wissen lebt, das genutzt, geteilt und weiterentwickelt wird. Der Introtext traf dabei genau den Ton der Veranstaltung: Tradition nicht als Stillstand, sondern als Rückenwind.
Im Anschluss folgte der Ehrengastvortrag von Hans-Georg Ahrens unter dem Titel „Orthopädieschuhtechnik – Wie geht’s?“. Der Ehrenvorstand der Studiengemeinschaft und langjährige Schulleiter der Bundesfachschule für Orthopädieschuhtechnik in Hannover spannte den Bogen von der Entwicklung des Handwerks bis zu den aktuellen Herausforderungen der Branche. Dabei wurde deutlich, dass die Orthopädieschuhtechnik gute Grundlagen hat, ihre Zukunft aber aktiv gestalten muss – mit klaren Zielen, zeitgemäßer Ausbildung und enger Zusammenarbeit der Lernorte.
Im Anschluss wurde Hans-Georg Ahrens für sein langjähriges und prägendes Engagement für die Bildungsarbeit und die Orthopädieschuhtechnik mit der Ehrenurkunde der Studiengemeinschaft ausgezeichnet.

Sprunggelenk: erhalten, ersetzen oder versorgen?
Mit Prof. Dr. Beat Hintermann folgte am Nachmittag ein weiterer Ehrengast, der dem Thema Sprunggelenksprothetik fachlich viel Tiefe gab. Sein Vortrag machte deutlich, wie sehr sich die Versorgung in diesem Bereich weiterentwickelt hat und warum moderne Prothesensysteme heute anders bewertet werden müssen als noch vor einigen Jahren.
In der anschließenden Diskussion „OSG – erhalten, ersetzen, versorgen?“ stand genau diese Frage im Mittelpunkt. Zwischen Gelenkerhalt, Prothese, Arthrodese und orthopädieschuhtechnischer Versorgung wurde differenziert abgewogen. Genau das machte den Reiz des Formats aus.
Lecture, Dinner und Casino-Nacht
Der Festabend knüpfte nahtlos an den besonderen Charakter der Tagung an. Vor dem Dinner setzte Prof. Dr. Martin Engelhardt mit seiner Lecture noch einmal einen inhaltlichen Akzent, sprach offen über Missstände und zeigte zugleich mögliche Lösungswege auf. Danach war Zeit für gute Gespräche, gemeinsames Essen und einen entspannten Ausklang des Tages.
Wobei „entspannt“ beim anschließenden Casino-Abend natürlich relativ ist. Bei Roulette, Black Jack und Poker wurde bis nach Mitternacht gespielt, geblufft und gesammelt – allerdings nur um Jetons, nicht um echtes Geld. Am erfolgreichsten waren dabei YYY, YYY und YYY, die sich am Ende über kleine Preise der Studiengemeinschaft freuen konnten.
Versorgung braucht den ganzen Blick
Auch in den weiteren Beiträgen wurde deutlich, dass orthopädieschuhtechnische Versorgung nicht isoliert gedacht werden kann. Ob komplexe Sprunggelenksinstabilität, Arthrose, Versorgung nach Schlaganfall, diabetischer Fuß oder Amputationsversorgung – immer ging es um mehr als um den lokalen Befund. Funktion, Alltag, Begleiterkrankungen und individuelle Ziele müssen mitgedacht werden, wenn Versorgung wirklich passen soll. Genau darin lag ein wesentlicher Gedanke dieser Tagung: Gute Versorgung entsteht nicht aus dem reinen Blick auf den Fuß, sondern aus dem Verständnis für den ganzen Menschen und seine jeweilige Situation.
Die 75. Jahrestagung war aber nicht nur fachlich stark, sondern zeigte auch, wie breit die Studiengemeinschaft inhaltlich aufgestellt ist. Vorgestellt wurden unter anderem Arbeiten aus der Normung, dem Qualitätsverbund Hilfsmittel, dem QM-Programm der Studiengemeinschaft sowie aus der Weiterentwicklung der sensomotorischen Versorgung. Mit Projekten wie NIKO, dem Open Space, neuen Weiterbildungsangeboten, digitalen Ansätzen und Themen wie 3D-Scanning, Diabetesqualifikation oder LernKOST wurde außerdem deutlich, dass die Studiengemeinschaft nicht nur auf das schaut, was ist, sondern aktiv an der Zukunft des Berufs arbeitet.
Die 75. Jahrestagung war damit weit mehr als ein Jubiläum. Sie war ein starkes Zeichen für fachlichen Austausch, für lebendige Bildungsarbeit und für den gemeinsamen Willen, die Orthopädieschuhtechnik weiterzuentwickeln. Oder anders gesagt: eine Tagung mit Rückblick, Haltung und klarer Perspektive nach vorn.



